Buffetuhr, frisch aus dem "Antikladen"


© Roman Beyer

Diese Buffetuhr erwarb ich in einem Schweriner "Antik-Laden".

Ein schrilles "PalimPalim", ausgelöst durch eine antike Glocke an der Eingangstüre verkündete der Verkäuferin mein Erscheinen in den Geschäftsräumen. Ich entdeckte sie zusammengekauert an einem antiken Schreibtisch in der Ecke des mit antikem Utensil vollgestopften Raumes, gebannt auf den Bildschirm eines nichtantiken Notebooks starrend. Sie nahm keine Notiz von mir, Dank EBAY. Wir waren alleine. Ich schaute mich um und meine Aufmerksamkeit widmete sich einer Buffetuhr, hoch droben auf einem Schrank - zu hoch für mich. Ich wendete mich der Dame zu und fragte, ob denn die Uhr ein Schlagwerk hat. Ihre Blicke wiederstrebend vom Bildschirm lösend erklärte sie mir, dass sie es nicht weiss. Und wieder bannte sie der Bildschirm. Daraufhin fragte ich, ob es sich bei der Uhr um ein Pendelwerk oder ein Unruhwerk handele. Etwas entnervt musste sie auch hier passen und gab mir zu verstehen, dass sie sich mit Uhren überhaupt nicht auskenne. Ich fragte nach dem Preis. "45 Euro" war die knappe und etwas unwirsche  Antwort. Ich tat erstaunt, "Das ist aber günstig" artikulierte meine Lingua, aber wohl nicht mein Geist. Schlagartig hellte sich ihre Mine auf, der Bildschirm des Notebooks war plötzlich zur Nebensache geworden. Ich fragte, ob ich mir die Uhr ansehen könne. Kaum hatte ich es ausgesprochen, erhob sich dieser übergewichtige und Mensch gewordene Zellhaufen behende vom antiken Schreibtischstuhl und stand unvermittelt vor dem Schrank mit der Buffetuhr. Sie reckte sich, und ohne Probleme und ohne Leiter oder Hocker erfasste sie die Uhr und stellte sie auf einem Sims ab. Ich war baff! Ich hätte mir nie getraut, die Uhr ohne Stuhl vom Schrank zu holen. Und diese Frau war gut einen halben Kopf kleiner als ich!
Ich beäugte die schwarz-braune Uhr von aussen. "In Polen aufgearbeitet?" fragte ich sie. Entrüstung machte sich in ihrem kubischen Körper breit. Sie verneinte diese Frage mit Nachdruck. Allerdings ließ ich durchblicken, dass die Farbgebung und auch die Maserung sehr an diese "antiken" Möbel auf Flohmärkten mit polnischen Verkäufern erinnert. Sie schluckte. Kein weiterer Kommentar.
Ich öffnete die rückwärtige Türe und erblickte ein Pendelwerk mit Schlagwerk, so, wie ich es schon immer haben wollte. Aber auch hier waren offensichtlich Dilettanten am Werk. Das Pendel und dessen Aufhängung waren mit einer schmierigen Pampe begatscht. "Das kann doch nicht gehen" dachte ich mir. Aber ansonsten machte das Werk einen ordentlichen und unverbastelten Eindruck. "Ich nehme sie" verkündete ich der Dame. Nun überschlug sie sich. Sie verschwand für kurze Zeit im Nebenraum um mir dann einige Probetütchen mit Renuvellpolitur zur Pflege des Holzes anzudrehen. Gerade sie müsste doch wissen, dass Renuvell bei Hölzern, die mit solcher "Antik-Pampe" begatscht sind, nichts ausrichten kann. Aber sie hat wenigstens den originalen Schlüssel zum Aufziehen bereitwillig herausgerückt. Ich fragte, ob man das Pendel für den Transport nicht in eine Ruhelage bringen oder aushängen könne. Darum versuchte ich mich gleich daran, kam aber nicht zurecht. Sie nahm mich zur Seite und hängte mit zarten Frauenhänden das Pendel mit einem Handgriff aus. Und das macht mir eine Frau vor, die zuvor noch beteuerte, sie habe von Uhren keine Ahnung... 

Zuhause angekommen habe ich die Uhr erstmal untersucht. Diagnose: "geht nicht". Das war logisch. Nicht logisch war, dass die Feder des Schlagwerks entweder gebrochen oder ausgehakt war. Das hatte mir diese Uhrenkennerin doch glatt verschwiegen. Naja, ich hätte es auch selber vor Ort prüfen können. Aber ich mußte das Werk ohnehin zerlegen und säubern. Also zerlegte ich das Werk komplett in seine Bestandteile, reinigte alle Räder, öffnete die Federhäuser, reinigte und ölte die Federn und hakte auch die besagte Feder des Schlagwerks wieder ein. Der Zusammenbau dauerte nicht länger als eine Stunde. Ich weiss, jeder Uhrmacher schmunzelt über diesen Rekord. Die Justage des Pendels allerdings gestaltete sich für einen Uhr-Laien wie mich doch etwas schwierig. Ich habe sowas ja auch noch nie gemacht. Also ab ins Internet und erstmal diverse Pendelwerke studiert und auch die Hemmung für mein Werk habe ich gefunden. Nach 2 weiteren Stunden lief das Werk zumindest wieder, nach drei Tagen hatte ich auch eine einigermaßen gute Ganggenauigkeit erzielt.
Nun habe ich noch diesen wiederlichen "Antik-Lack" mit Stahlwolle entfernt. Die künstlich eingebrachte Maserung sollte wohl diese Uhr alt oder eben "antik" aussehen lassen. Normalerweise hätte man alles runterschleifen müssen. Aber der Aufwand erschien mir zunächst zu hoch und darum habe ich diese "Maserung" mit Clou-Wachs ausgefüllt und glattpoliert. Mal sehn, wie lange das hält. Jedenfalls sieht das Gehäuse für meine Begriffe nun wesentlich besser aus...

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