Diese Buffetuhr erwarb ich
in einem Schweriner "Antik-Laden".
Ein schrilles "PalimPalim", ausgelöst durch eine antike Glocke
an der Eingangstüre verkündete der
Verkäuferin mein Erscheinen in den
Geschäftsräumen. Ich entdeckte sie zusammengekauert
an einem antiken Schreibtisch in der Ecke des mit antikem Utensil
vollgestopften Raumes, gebannt auf den Bildschirm eines nichtantiken
Notebooks starrend. Sie nahm keine Notiz von mir, Dank EBAY. Wir waren
alleine. Ich schaute mich um und meine Aufmerksamkeit widmete sich
einer Buffetuhr, hoch droben auf einem Schrank - zu hoch für
mich. Ich wendete mich der Dame zu und fragte, ob denn die Uhr ein
Schlagwerk hat. Ihre Blicke wiederstrebend vom Bildschirm
lösend erklärte sie mir, dass sie es nicht weiss. Und
wieder bannte sie der Bildschirm. Daraufhin fragte ich, ob es sich bei
der Uhr um ein Pendelwerk oder ein Unruhwerk handele. Etwas entnervt
musste sie auch hier passen und gab mir zu verstehen, dass sie sich mit
Uhren überhaupt nicht auskenne. Ich fragte nach dem Preis. "45
Euro" war die knappe und etwas unwirsche Antwort. Ich tat
erstaunt, "Das ist aber günstig" artikulierte meine Lingua,
aber wohl nicht mein Geist. Schlagartig hellte sich ihre Mine auf, der
Bildschirm des Notebooks war plötzlich zur Nebensache
geworden. Ich fragte, ob ich mir die Uhr ansehen könne. Kaum
hatte ich es ausgesprochen, erhob sich dieser übergewichtige und Mensch gewordene
Zellhaufen behende vom antiken Schreibtischstuhl und stand unvermittelt
vor dem Schrank mit der Buffetuhr. Sie reckte sich, und ohne Probleme
und ohne Leiter oder Hocker erfasste sie die Uhr und stellte sie auf
einem Sims ab. Ich war baff! Ich hätte mir nie getraut, die
Uhr ohne Stuhl vom Schrank zu holen. Und diese Frau war gut einen
halben Kopf kleiner als ich!
Ich beäugte die schwarz-braune Uhr von aussen. "In Polen
aufgearbeitet?" fragte ich sie. Entrüstung machte sich in
ihrem kubischen Körper breit. Sie verneinte diese Frage mit
Nachdruck. Allerdings ließ ich durchblicken, dass die
Farbgebung und auch die Maserung sehr an diese "antiken" Möbel
auf Flohmärkten mit polnischen Verkäufern erinnert.
Sie schluckte. Kein weiterer Kommentar.
Ich öffnete die rückwärtige Türe
und erblickte ein Pendelwerk mit Schlagwerk, so, wie ich es schon immer
haben wollte. Aber auch hier waren offensichtlich Dilettanten am Werk.
Das Pendel und dessen Aufhängung waren mit einer schmierigen
Pampe begatscht. "Das kann doch nicht gehen" dachte ich mir. Aber
ansonsten machte das Werk einen ordentlichen und unverbastelten
Eindruck. "Ich nehme sie" verkündete ich der Dame. Nun
überschlug sie sich. Sie verschwand für kurze Zeit im
Nebenraum um mir dann einige Probetütchen mit Renuvellpolitur
zur Pflege des Holzes anzudrehen. Gerade sie müsste doch
wissen, dass Renuvell bei Hölzern, die mit solcher
"Antik-Pampe" begatscht sind, nichts ausrichten kann. Aber sie hat
wenigstens den originalen Schlüssel zum Aufziehen bereitwillig
herausgerückt. Ich fragte, ob man das Pendel für den
Transport nicht in eine Ruhelage bringen oder aushängen
könne. Darum versuchte ich mich gleich daran, kam aber nicht
zurecht. Sie nahm mich zur Seite und hängte mit zarten
Frauenhänden das Pendel mit einem Handgriff aus. Und das macht
mir eine Frau vor, die zuvor noch beteuerte, sie habe von Uhren keine
Ahnung...
Zuhause angekommen habe ich die Uhr erstmal untersucht. Diagnose: "geht
nicht". Das war logisch. Nicht logisch war, dass die Feder des
Schlagwerks entweder gebrochen oder ausgehakt war. Das hatte mir diese
Uhrenkennerin doch glatt verschwiegen. Naja, ich hätte es auch
selber vor Ort prüfen können. Aber ich
mußte das Werk ohnehin zerlegen und säubern. Also
zerlegte ich das Werk komplett in seine Bestandteile, reinigte alle
Räder, öffnete die Federhäuser, reinigte und
ölte die Federn und hakte auch die besagte Feder des
Schlagwerks wieder ein. Der Zusammenbau dauerte nicht länger
als eine Stunde. Ich weiss, jeder Uhrmacher schmunzelt über
diesen Rekord. Die Justage des Pendels allerdings gestaltete sich
für einen Uhr-Laien wie mich doch etwas schwierig. Ich habe
sowas ja auch noch nie gemacht. Also ab ins Internet und erstmal
diverse Pendelwerke studiert und auch die Hemmung für mein
Werk habe ich gefunden. Nach 2 weiteren Stunden lief das Werk zumindest
wieder,
nach drei Tagen hatte ich auch eine einigermaßen gute
Ganggenauigkeit erzielt.
Nun habe ich noch diesen wiederlichen "Antik-Lack" mit Stahlwolle
entfernt. Die künstlich eingebrachte Maserung sollte wohl
diese Uhr alt oder eben "antik" aussehen lassen. Normalerweise
hätte man alles runterschleifen müssen. Aber der
Aufwand erschien mir zunächst zu hoch und darum habe ich diese
"Maserung" mit Clou-Wachs ausgefüllt und glattpoliert. Mal
sehn, wie lange das hält. Jedenfalls sieht das
Gehäuse für meine Begriffe nun wesentlich besser
aus...
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